Die Frist vom 1. Juli 2026 für den Governance-Kodex 'Sicherheit im Bauwesen' (ViA) rückt schnell näher. Für viele Organisationen bedeutet dies eine verpflichtende Umstellung auf mindestens Stufe 3 des SCL. Die Umsetzung der Theorie in die Praxis – und insbesondere die Eingabe der vorgeschriebenen "Verhaltensziele" im Webtool – löst oft Bedenken aus. Lässt sich Sicherheitskultur überhaupt in konkrete Ziele fassen? Die SCL-Trainer und Wissenspartner Frank Thoonen und Wilfried Vermeiren liegen im Clinch, kommen jedoch zu einer gemeinsamen Schlussfolgerung: „Ein Verfahren kann man festlegen, eine Sicherheitskultur muss man leben.“
Für SCL Light und SCL Light für kleine Organisationen ist es verpflichtend, jährlich über die Web-Tool ein bis drei Verhaltensziele festzulegen. Gemäß dem Zertifizierungsschema müssen diese ‘SMART’ (spezifisch, messbar, akzeptabel, realistisch, terminiert) sein. Dies führt in der Praxis nicht selten zu Frustration.
Frank Thoonen von THOON Organisatieadvies nimmt kein Blatt vor den Mund: “Ich reagiere manchmal etwas allergisch auf Auditoren, die starr an SMART-Zielen festhalten.” Er beobachtet, wie kleine Unternehmen sich mit der Theorie abmühen, während es doch um die Praxis geht. “Nehmen wir an, ein Geschäftsführer stellt fest, dass die Hälfte der Mitarbeiter keine Sicherheitsschuhe trägt. Er spricht das Thema an, die Mitarbeiter dürfen sich selbst ein bequemeres Modell aussuchen, und ein halbes Jahr später trägt jeder sie. Was interessiert ”War dieses Ziel auf dem Papier denn nach dem 100%-SMART-Ansatz formuliert? Dann hat dieses Unternehmen einen riesigen Schritt nach vorne gemacht.“.
Wilfried Vermeiren vom Beratungsunternehmen Samurai at Work versteht die Abneigung gegen Checklisten, warnt Unternehmer jedoch davor, das Thema Sicherheit in abstrakten Begriffen versanden zu lassen. “Sicheres Arbeiten ist für mich eine Interpretation, das ist keine Tatsache.” Er betont, dass Verhalten immer objektiv beobachtbar sein muss. “Wenn man jemanden bei einer Handlung beobachtet und dieses Verhalten beschreibt, sollten du und ich genau dasselbe wahrnehmen. Erst dann ist man objektiv und kann darauf einwirken.”.
Obwohl sich die Ansätze der beiden Experten also etwas unterscheiden, kommen sie letztendlich zu einer gemeinsamen Schlussfolgerung: Eine SMART-Formulierung ist lediglich ein Hilfsmittel und eine Methode zur Strukturierung des Gesprächs, aber keinesfalls ein Ziel an sich. Worauf es in der Praxis wirklich ankommt, ist, dass Führungskräfte und Mitarbeiter gemeinsam Lösungen erarbeiten, die unmittelbar und nachweisbar am Arbeitsplatz wirken. Wenn das Streben nach einem theoretisch perfekt formulierten Ziel die tatsächliche Wenn dies der Verbesserung der Sicherheit im Wege steht, verfehlt der gesamte Prozess sein Ziel völlig
Fallstricke: “Ich werde weniger mobben”
Ein häufiger Fehler bei KMU ist, dass sie sich Ziele setzen, die zu hoch gesteckt oder unklar sind. “Ein Ziel wie ‘Jeder spricht den anderen auf unsicheres Verhalten an’ hören wir sehr oft”, erzählt Wilfried. “Aber viel Erfolg dabei; das wird in einer kleinen Organisation, die gerade erst anfängt, wirklich noch nicht passieren. Das ist Verhalten der Stufe 4 oder 5.” Auch Ziele wie “Ich werde weniger mobben” scheitern, weil sie subjektiv sind.
Sein goldener Tipp, um Verhalten zu Papier zu bringen? “Beschreibe es im Präsens. Nicht ‘ich werde’ oder ‘ich will’, denn das ist nicht eindringlich genug.” Außerdem rät er dazu, das Wort ‘nicht’ zu vermeiden: “Das menschliche Gehirn versteht keine Verneinungen. Sag also nicht ‘Du darfst nicht unter einer Last herlaufen’, sondern benenne das gewünschte Verhalten.” Halte es außerdem kurz: maximal drei bis fünf klare Regeln, auf die der Fokus liegt.

Das Webtool (SAQ): Keine Umfrage, sondern ein Spiegel
Bevor Sie Ziele festlegen, füllen Sie für SCL Light und SCL Light für kleine Organisationen zwingend den Fragebogen im SCL-Webtool (SAQ) aus. Dies ist die Basismessung, aber füllen Sie diese niemals einfach so vom Chefbüro aus aus. “Es handelt sich nicht um eine Umfrage, bei der man einfach nur ’herumtippen’ oder sozial erwünschte Antworten eingeben muss.” Wilfried rät der Geschäftsleitung, die Mitarbeiter in kleinen Gruppen zusammenzubringen und die Fragen gemeinsam durchzusprechen, bevor die Umfrage gestartet wird, damit jeder sie versteht und ein ehrliches Bild entsteht.
Frank betont anschließend den tatsächlichen Wert dieses Ergebnisses: “Der interne Auditor kann so im Tool feststellen, dass der Manager bei einem bestimmten Thema sehr gut abschneidet, während die Mitarbeiterin angibt, dass sie noch nicht einmal auf Stufe 2 sind.” Genau in diesem blinden Fleck (der Wahrnehmungslücke) verbirgt sich Ihr erstes Verhaltensziel.

Der CEO im Audi
Der erfolgreiche Übergang zu Stufe 3 steht und fällt mit authentischer Führung. Eine Grundsatzerklärung zu unterzeichnen, reicht laut Wilfried nicht aus: “Ressourcen und Schulungen bereitzustellen ist schön und gut, aber was tust du persönlich? Wie erleben deine Mitarbeiter vor Ort, dass dir Sicherheit wichtig ist?”.
Frank nennt ein schmerzlich bekanntes Beispiel aus der Praxis. “Der CEO mag sich für sehr umgänglich halten. Aber er muss sich bewusst machen, dass, wenn er in seinem dreiteiligen Anzug aus einem schicken Audi auf der Baustelle aussteigt, auf der Arbeitsfläche manchmal schon Panik ausbricht.” Er plädiert dafür, dass Führungskräfte buchstäblich das Eis brechen. “Gehen Sie doch mal auf einen Kaffee in die Baustellenhütte. Fragen Sie, wie es ist, im Schlamm und Lehm zu stehen. Wenn Sie authentisch wirken, sind die Leute durchaus bereit, hart für Sie zu arbeiten und sich sicher zu verhalten, und sie führen kein Theaterstück auf, nur um eine SCL-Stufe zu erreichen.”.
Handeln Sie noch vor dem 1. Juli 2026 Haben Sie Angst vor der ViA-Frist oder dem SCL Light (für kleine Organisationen)? Bleiben Sie nicht bei der Theorie stehen, sondern schauen Sie sich das an Straßenkarte oder schalten Sie eine der unabhängigen SCL Wissenspartner um Sie reibungslos zu begleiten.