In der technischen Abteilung des Amsterdamer Verkehrsunternehmens GVB arbeiten täglich rund 700 Mitarbeiter an den Gleisen und den Fahrzeugen. Das Bestreben, das Arbeitsumfeld sicherer zu gestalten, bestand schon seit längerem, aber wie lässt sich dies vom Konferenztisch in die Praxis vor Ort umsetzen? SHEQ-Manager Michael Bawuah entschied sich für die „Safety Culture Ladder“ (SCL), um Verhalten messbar und diskutierbar zu machen.
Wer an den Amsterdamer Nahverkehr denkt, hat schnell die Straßenbahnen und U-Bahnen vor Augen, die durch die Stadt fahren. Doch hinter den Kulissen läuft ein ganzes Schienen- und Wartungswerk auf Hochtouren. Bei GVB Rail Infra arbeiten Tag für Tag Hunderte von Fachkräften an der Instandhaltung und Erneuerung. Sicheres Arbeiten ist dort eine tägliche Notwendigkeit. Dennoch stellte das Unternehmen fest, dass es schwierig war, von vereinzelten Initiativen zu einer wirklich verankerten Sicherheitskultur zu gelangen.
Ein ehrlicher Spiegel
Als Michael Bawuah als SHEQ-Manager die Leitung übernahm, wollte er zunächst wissen, wo genau das Unternehmen stand: eine klare Ausgangsmessung auf der Grundlage von Fakten.
Es wurde ein gründliches Voraudit durchgeführt. Die Auditoren führten drei Tage lang Gespräche mit der Geschäftsleitung und den Mitarbeitern. Anschließend waren sie fünf Tage lang vor Ort im Einsatz und besuchten täglich mehrere Arbeitsstätten und Projekte. Das Ergebnis war aufschlussreich: Formal befand sich GVB Rail Infra auf Stufe 2, doch in der täglichen Praxis erreichten sie an vielen Stellen bereits Stufe 3.

Eine solche Basismessung wirkt wie ein klarer Spiegel für die Organisation. Sie zeigte genau auf, wo die Verbesserungsmöglichkeiten lagen und wie der Schritt hin zu einer strukturellen Stufe 3 realisierbar gemacht werden konnte: Schritt für Schritt, mit realistischen Zielen.
Ein kontinuierlicher Prozess
Charakteristisch für den Ansatz von GVB ist, dass Sicherheit als ein kontinuierlicher Prozess gewährleistet wird, der niemals endet. Bawuah ist sich dessen ganz sicher: “Ich bezeichne es bewusst nicht als Programm oder Projekt. Ein Projekt hat einen Anfang und ein Ende. Sicherheitskultur ist ein kontinuierlicher Prozess, der niemals endet.”
Das merkt man auch an der Sprache, die am Arbeitsplatz gesprochen wird. Mit den Mechanikern und Gleisarbeitern spricht man ganz einfach über das Ziel, jeden Tag wieder sicher nach Hause zu kommen. Für das Management und die Sicherheitsexperten dient der SCL als Maßstab, um stets wachsam zu bleiben.
Um den Überblick über die Arbeit zu behalten, hat GVB zunächst die Grundlagen in Ordnung gebracht. “”Mit einem internen Sicherheitsportal bieten wir allen Mitarbeitern Zugang zu aktuellen und relevanten Sicherheitsinformationen, unterstützt durch praktische Tools“, sagt Bawuah. „Risikoinventare, Vorfallmeldungen, Arbeitsplatzinspektionen, Toolbox-Meetings und KPI-Dashboards sind zentral gebündelt. Dadurch verfügt jeder über eine übersichtliche Umgebung mit denselben zuverlässigen Informationen.
Kleine Beobachtungen, große Wirkung
Auf der Grundlage dieses Dashboards richtete sich die Aufmerksamkeit auf das, was wirklich zählt: das Verhalten. Bei GVB geschieht dies auf der Grundlage von Fakten. Als sich aus den Zahlen ergab, dass Fehlzeiten auffallend häufig durch Stürze und Stolpern verursacht wurden, wurde dies sofort in gezielten Toolbox-Meetings und Kampagnen aufgegriffen.
Außerdem wurden zehn klare Verhaltensregeln aufgestellt. Diese sind auf Bannern in der Kantine und auf Bildschirmen in den Werkstätten gut sichtbar angebracht. Darüber hinaus besprechen die Mitglieder der Geschäftsleitung jeden Monat bei einem gemeinsamen Mittagessen eine bestimmte Regel. Das senkt die Hemmschwelle, einander anzusprechen, erheblich.
Bawuah: “Alles beginnt mit dem Gespräch. Wenn jemand eine Vereinbarung nicht einhält, müssen wir normal darüber reden können. Man muss wissen, dass man den anderen darauf ansprechen darf.” Die Wirkung zeigt sich bereits in der Praxis: Selbst das einfache Festhalten am Geländer ist mittlerweile an vielen Orten gang und gäbe.
Zusammenarbeit in der Lieferkette
GVB ist selbst nach VCA 2-Sterne zertifiziert und stellt klare Anforderungen an Subunternehmer. Damit alle Beteiligten im Schienenverkehr dieselbe Sprache sprechen, werden komplexe Arbeitsanweisungen in kurze, leicht verständliche E-Learning-Kurse für externe Partner umgewandelt.
Darüber hinaus prüft GVB Möglichkeiten, gemeinsam mit festen Partnern das Sicherheitsbewusstsein zu stärken. Ein wichtiger Grundsatz dabei ist jedoch, dass sich die Organisation konzentriert: Es ist besser, einige wenige Dinge wirklich gut anzugehen, als zu viele Initiativen gleichzeitig zu starten, die später wieder im Sande verlaufen.

Auf dem Weg zum nächsten Schritt
Ende dieses Jahres ist das formelle Audit für SCL-Stufe 3 geplant. Und bei GVB blickt man bereits weiter in die Zukunft. Die Prozesse werden bereits jetzt so gestaltet, dass der Schritt zur Stufe 4 (Proaktiv) in den kommenden Jahren naheliegend erscheint.
Bawuah fasst die aktuelle Phase treffend zusammen: “Die Grundlagen werden bereits jetzt in den Gesprächen und den von uns angebotenen Toolboxen gelegt. Wenn man am Arbeitsplatz kontinuierlich darüber spricht, ist man schon auf die Zukunft vorbereitet.”
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