Eine Organisation kann ihre Risikoinventur, ihre Verfahren und ihre persönliche Schutzausrüstung zwar ordnungsgemäß geregelt haben und dennoch immer wieder Vorfälle erleben. Dann liegt das Problem selten in einem weiteren Formular. Es geht darum, wie sich die Menschen verhalten, wenn der Zeitplan überschritten wird oder jemand eine unsichere Situation bemerkt. Hanneke Jansen, Expertin für Sicherheitskultur bei Kader und SCL-Wissenspartnerin bei NEN, nutzt die Safety Culture Ladder (SCL), um dieses alltägliche Verhalten sichtbar zu machen und zur Diskussion zu stellen.

Die Kultur beginnt schon an der Schranke
Jansen schaut bei einem Besuch nicht zuerst in ein Handbuch. Sie beobachtet die Situation von dem Moment an, in dem sie das Gelände betritt. “Kultur steckt in den Wänden”, sagt sie. “Wenn ich bei einer Organisation ankomme, fange ich schon an der Schranke an, aufmerksam zu sein. Wie werde ich begrüßt? Wie logisch ist der Weg dorthin? An der Kaffeemaschine schaue ich, ob dort Unordnung herrscht und ob mir bereits durch Plakate oder Ähnliches Botschaften vermittelt werden. Das sind alles wahrnehmbare Ausdrucksformen der Kultur.”
Die SCL konzentriert sich auf Sicherheitsbewusstsein, Einstellung und Verhalten. Auditoren führen Gespräche und beobachten die Praxis. So entsteht ein Bild der tatsächlich vorherrschenden Kultur – und nicht nur von dem, was die Organisation auf dem Papier festgehalten hat.
Gute Systeme sind nach wie vor notwendig. Eine Risikoinventarisierung und -bewertung, klare Verfahren und geeignete Schutzausrüstung bilden die Grundlage. Sie bieten jedoch keine Garantie dafür, dass die Menschen Risiken besprechen oder sich gegenseitig darauf ansprechen. Jansen: “Die Grundlagen müssen stimmen. Das trägt zur Zuverlässigkeit und Vorhersehbarkeit einer Organisation bei. Letztendlich sind es doch die Menschen, die die Kultur prägen.”
Wie verhält sich eine Führungskraft unter Zeitdruck?
Vorbildliches Verhalten zeigt sich, sobald andere Interessen in den Vordergrund treten. Gibt eine Führungskraft auch dann noch Spielraum für eine sorgfältige Ausführung, wenn sich ein Auftrag verzögert? Findet eine Schulung auch dann statt, wenn das Budget hinter den Erwartungen zurückbleibt? Werden abgenutzte Schutzausrüstungen rechtzeitig ersetzt?
Laut Jansen haben solche Entscheidungen mehr Gewicht als eine Rede über Sicherheit. “Wenn man morgens sagt, dass einem Sicherheit sehr wichtig ist, aber am Ende des Tages unter Zeitdruck ’Los, los, los‘ ruft und die Regeln ignoriert, dann ist man durchschaut. Dann liegt man plötzlich wieder mit 1:0 zurück.’
Eine einmalige Botschaft ändert nichts am Verhalten. Führungskräfte müssen stets denselben Maßstab vertreten und sich selbst daran halten. Jansen fasst es klar zusammen: “Die Menschen tun, was man tut, nicht was man sagt.”
Die Leiter macht die Entwicklung greifbar
Das SCL beschreibt fünf Stufen der Reife einer Sicherheitskultur. Diese reichen von einer Kultur, in der der Sicherheit wenig Beachtung geschenkt wird, bis hin zu einer Kultur, in der sicheres Handeln fester Bestandteil von Entscheidungen und Zusammenarbeit ist. Die Bewertung ist keine Prüfung, und ein Zertifikat ist keine Garantie dafür, dass keine Vorfälle auftreten. Das Ergebnis wirkt wie ein Spiegel: Wo steht die Organisation derzeit, und welches Verhalten lässt sich dort beobachten?
Das Wachstumsmodell verhindert zudem, dass Organisationen versuchen, einen Schritt zu überspringen. Jansen beobachtet regelmäßig, dass eine Organisation direkt von reaktivem Handeln zu einer proaktiven Kultur übergehen möchte. Ohne klare Zuständigkeiten, Vereinbarungen und Systeme fehlt jedoch die Grundlage. “Was ich an der Leiter so gut finde, ist, dass sie zeigt, dass es eine logische Abfolge gibt.”
Der SCL macht eine vage Diskussion über Kultur konkreter. Werden Risiken im Vorfeld besprochen? Trauen sich die Mitarbeiter, Grenzen zu setzen? Werden Meldungen weiterverfolgt? Gespräche und Beobachtungen decken Muster auf, die innerhalb der Organisation zur Gewohnheit geworden sind.
Das Anderssein legt die Kultur offen
Der Umgang mit fremdsprachigen Mitarbeitern stellt für Jansen eine harte Probe dar. Wenn jemand eine Anweisung nicht versteht oder sich nicht äußert, wird die Schuld schnell diesem Mitarbeiter zugeschrieben. “Wer ist dafür verantwortlich? Es reicht nicht aus, Anweisungen lediglich ins Englische zu übersetzen.”
Laut Jansen kann Schweigen eine Möglichkeit sein, die eigene Position zu schützen. Eine solide Sicherheitskultur erfordert daher auch, dass geprüft wird, ob Anweisungen wirklich verstanden werden, ob Fragen willkommen sind und ob Mitarbeiter ohne nachteilige Folgen eine Arbeitsunterbrechung vorschlagen können. “Unternehmen verlangen oft Anpassungen von denjenigen, die am wenigsten zu sagen haben, anstatt sich selbst die Frage zu stellen, ob die Regeln und Verfahren auf die anderen zugeschnitten sind.” Die SCL hilft dabei, solche Fragen in Gesprächen und durch Beobachtungen ans Licht zu bringen.
Von der Verpflichtung zum nützlichen Spiegel
Manche Organisationen kommen mit dem SCL in Berührung, weil ein Auftraggeber dies verlangt. Das kann auf Widerstand stoßen. Eine externe Anforderung allein schafft noch keine Sicherheitskultur. Der Mehrwert entsteht erst dann, wenn Organisationen die Grundgedanken des „Wachstums auf der Leiter“ verinnerlichen und umsetzen, beginnend bei der Führungsspitze. Die Bewertung ist dabei ein Mittel zum Zweck. Es geht um einen Kulturwandel, den die Organisation selbst anstrebt.
Das SCL bietet Organisationen eine gemeinsame Sprache für Verhalten, Führung und Verantwortlichkeit. Kultur lässt sich nicht mit einer einzigen Maßnahme schaffen. Sicherheit gewinnt erst dann an Bedeutung, wenn die Entscheidung auch dann Bestand hat, wenn Zeit, Geld oder Produktion dagegen sprechen.
Während der Safety&Health@Work 2026 können Besucher am 7. und 8. Oktober den SCL-Stand in Rotterdam Ahoy besuchen. Stellen Sie dort Fragen zur Sicherheitskultur und zur Safety Culture Ladder an Hanneke Jansen oder einen der anderen anwesenden SCL-Wissenspartner: Frank Thoonen von Thoon Organisatieadvies B.V. und Wilfried Vermeiren von Samurai at Work. Sie haben bereits ihre Vision einer Sicherheitskultur auf dieser Website veröffentlicht. Die Messe ist an beiden Tagen von 10.00 bis 17.00 Uhr geöffnet.
Anmeldung für die Safety&Health@Work 2026 über: https://register.visitcloud.com/survey/1mnlkpcy1x4xg